#17 Ziele Poetry Slam Finale Berlin – Michael Ebeling


Geburtsvorbereitungen. „Wann ist es denn soweit?“ „Wahrscheinlich 1. November.” „Ach, das ist ja gar nicht mehr so lange hin. Da habt ihr sicher noch eine Menge vorzubereiten,
der Jan-Joseph-Justin und du, nicht wahr?“ „Aber nicht in diesen Jahr, Frau Schlibrowski,
und och nich in nächsten!“ Oh man, die alte Schlibrowski nervt. Und schwerhörig isse och. Oder schwer von Kapee. Oder beidet. Hätt ick doch bloß die Klappe gehalten und
nüscht erzählt von den Projekt, wo ick jetz mitmache. Anna-Rianna-Celine ärgert sich. Aber war ja auch alles aufregend. Verstanden hatte sie nichts davon, aber angeblich war sie eine von 222 Frauen weltweit, die besonders betreut werden sollten in den nächsten fünf Jahren. Warum Hellersdorf-Nord dabei als soziales
Krisengebiet eingestuft wurde, konnte sie sich gar nicht vorstellen. Ihr gefällt’s hier. Und dem Jojo, ihrem Freund, auch. Naja, und nun, so hatte man ihr erzählt,
geht es um die Geburtsvorbereitungen. Dabei war sie ja noch nicht mal schwanger. Aber es könnte sein, dass sie es in fünf
Jahren oder so ist. Haben irgendwelche Experten ausgerechnet. „Habt ihr denn schon das Kinderzimmer eingerichtet?“, will die Schlibrowski nun wissen. „Nein“, sag ich, „wenn Sie’s jenau wissen
wollen, bis jetze verhüt ick noch!“ Hat’se wohl nicht janz verstanden, die alte
Tratsche, aber das et für heute jut ist mit die Fragerei, dit hat’se begriffen und
verschwindet hinter ihrer Tür. Gott sei Dank. Besser is. Hat sich ja einiget verändert in mein Leben,
seit der Brief kam. Alle naselang werd ick jetzt hier abjeholt,
und dann muss ick zu so ein Kongress. Da geht’s um die Weltbevölkerung, um Weltjesundheit,
Frauen und Kinder-Gedöns und was weeß icke, Pi Pa Polizeipferd. Hab ick doch jar keene Ahnung von. Kenne ja nich mal die Länders, wo wir immer hinfliegen. Wie die auch alle heißen, Burgundi, Mosaik,
Ätjopan, Tongo, Kongo und Mongo, Bakhlawa, Kombucha, wie das Getränk oder watt, Gutermaler,
Mogelei, Olivien. Mir doch ejal, wo die anderen Frauen herkommen. Ist aber immer nett mit die. Sind immer ein Haufen Dompteure oder wie die heißen, mit bei, die alles übersetzen, wenn wir mal ein Schwätzchen halten wollen. So untereinander. Von Frau zu Frau. Manche von den Frauen haben ja schon Kinder. Fülle sogar. 10 Stück. Eigentlich mehr, aber ein paar davon auch
zwischendurch abjenippelt. Das jeht ja ratzfatz da mit der Geburt bei denen. Arbeiten den ganzen Tag auf dem Feld oder wat, und dann hingehockt, rausgedrückt, weiterjearbeitet. So ungefähr jedenfalls. Entweder das Kind überlebt oder nicht. Interessiert ja keen. Jedenfalls nicht die Männer oder Väter. Die saufen meistens nur. Oder schlagen die Frauen, wenn sie nicht bald wieder an die Arbeit gehen, und spielen sich am Sack, die Pfeifen. Und wollen am liebsten gleich wieder rauf
auf die Mutti. Manchmal krepiert dann die Mutti und nicht
das Kind, weil sich da untenrum wat entzündet. Wird mir jedes Mal schlecht, wenn die
aus ihren Leben erzählen. Die haben da sowieso in manchen Gegenden ziemlich
verkorkste Anjewohnheiten mit ihren Untenrum. Die Mädels da werden einfach zujenäht. Aber vorher wird da noch allet abgeschnitten, wat man mit een kleenet, rostijet, stumpfet Küchenmesser abkricht, hat mir die eene erzählt. Und dann och noch uff Klo jezeigt, Alter, sowat
hab ick noch nich jesehn. Bin ick glei mal ohnmächtich jeworden. Je komischer der Name von dit Land, desto
mehr wird jeschnippelt und genäht, hab ick fast den Eindruck: In Bischutti, Masomasolia,
Sudeten oder Sudan, Irritra und Ätjopan, na egal, werden se also zujenäht, als Kind. Tut weh. Dann in der Hochzeitsnacht vom Mann mit sein Pimmel oder dem sein ollet Messer wieder aufgerissen. Tut’s noch mal weh. Die erzähln einem das, als wärs völlich normal. Und ick konnt nachts nich einschlafen von
die Bilder in mein Kopp und dann hab ick och noch Alpträume jehabt davon. Und trotzdem hab ick nich jerafft, wozu der
Scheiß gut sein soll. Wenn der Jojo, also der Jan-Josef-Justin über mich rüber will, dann nur pikobello jewaschen, und wo der seinen Pipimann reinmacht, das
bestimm’ immer noch ick. Aber das weiß der auch. Musst ick ihm einmal ganz deutlich sagen, dann war jut. Ick hab den Damen da aus Afrika und Brumbi,
Indochina und Vitamin und so auch mal erzählt, wie das so ist mit Kondom und Pille und Frauenarzt. Det kannten die allet jar nich. Soll aber in die ihre Länder auch allet noch kommen. Muss ja auch. Wegen dem Projekt, wo ich nun mit bei bin. Die haben ja oft mehr Vaterlandsliebe als
wat zu Essen, die Frauen da. Könn’se dann oft ihre Kinder nichts zu essen geben. Am Anfang hab ick jedes Mal jeflennt, wenn
die ihre Stories erzählt haben. Aber jetz mach ick jedes Mal ne janze Picknick-Tasche
mit Stullen und Obst und Schokolade fertig, wenn ick dahin fahre. Ick lern’ ja jetz och Englisch deswegen.
Sister heiße ick jetzt bei denen. Und die sind meine Sisters. Und die Männer sind Brothers, aber die interessieren im Moment jar keen. Die sind ja oft nur faul und gefräßig, muss
man och mal sagen. Die Frauen machen und tun und ackern. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ham ja oft nur een Acker. Und ne Kuh und ne Ziege. Jenauso dünn wie sie selber. Kaum Milch. Aber viele Frauen nehmen jetzt och Kredite uff. Janz wenig nur. 10 Dollar oder so. In Bangaladsch und Indien und so. Irgendwie laufen die Sachen wohl besser da unten, wenn sich die Frauen dahinter klemmen. Hab ick langsam den Eindruck jedenfalls. Nächste Woche jeht’s nach Südamerika,
Vezzeluana erst und dann noch Horrundas. Mit der einen bin ick ja inzwischen jut befreundet. Richtig dicke sind wir. Die Shazadhi aus Pak-Tistan. Die is och sechzehn, jenau wie icke, hat
aber schon vier Kinder, die toten nich mitgerechnet. Zweimal vergewaltigt, musste sone Art Onkel
danach heiraten. Schon über sechzig der Typ, na schönen Dank auch. Ick krieg das einfach nicht klar im Kopp,
die ihre Vergewaltigerei da unten in denen ihre Dörfer. „Ich vergewaltige deine Tochter, und aus
Blutrache du dann meine!“ Dann sind alle sauer aufeinander, aber anstatt se de Vergewaltiger die Pimmel, oder wat weeß icke, abhacken, werden am Ende meist die Frauen
mit Säure übergossen, im Gefängnis gesteckt oder einfach totjeschlagen und verbuddelt,
damit sie die Klappe halten und Gras – oder am besten noch feiner schwarzer Afghane – über
die Sache wächst. Ick könnt’ Amok laufen, könnt’ ick bei
so was. Naja, in fünf Jahre muss dit aber alles
besser geworden sein mit den janzen Schlammassel. Mütter- und Kindersterblichkeit soll’s nicht
mehr geben, keen Aids mehr wegen Kondome und so, vielleicht können wir die da unten – ick
sach immer die da unten, weil ick sowieso nich weiß, wo dat is, wo die Sisters wohnen
– einfach wat von unseren Essen abgeben, also wenigstens für die Mütter und Kinder. Ehrlich jesagt, die Väter, die Männer interessieren
mir im Moment überhaupt nich. Entweder vergewaltigen sie, fuchteln irgendwie mit ‘ne
verrostete Gulaschkinow rum, oder wie die ihre Knarre so heißt, oder machen einfach nüscht. Nüscht machen und Scheiße bauen is die Hauptbeschäftigung von die Männer von meine Sisters. Ick könnt kotzen, könnt ick. Jedenfalls hab ick schon mal anjefangen, in
mein Wohnblock zu sammeln für die Shazadhi. Damit die da in Bangladschi, ach nee, Paketistan,
einfach irgend ‘ne Bude uffmachen kann. Vielleicht keene Currywurstbude, essen se ja wieder kein Schwein da unten, aber vielleicht nen Nähstübchen. Wichtig is nur, dass sie durchhält, bis 2023, 1. November. Bis dahin muss alles pitty potty palletti
sein in der janzen Welt. Vor allem für Frauen. Für uns Frauen, wie ick jetzt immer schon gerne sage. Ick muss sagen, für die Sisters, für meine
Sisters, würd’ ick inzwischen auch mein letztet Hemd jeben, so lieb hab ick die gewonnen. Einfach, weil ick ‘se mal kennenjelernt habe, kommt mir ja sonst nich hin, da unten nach Hottentottenhausen. Aber jeht ja nich darum, mein letztet Hemd zu jeben. Geld reicht. Und Verständnis. Fachwissen. Wer weiß, wenn ick mal was gelernt habe,
wat man da unten brauchen kann – ick will ja auf Friseuse oder Nagelstudio lernen – vielleicht
ziehen der Jojo und ick dann auch mal um. Vielleicht kriege ich ja mein erstes Kind
gar nicht in Hellersdorf, sondern in Hyderabad, wo och die Shazadhi herkommt. Mal sehen, wer von uns beiden den goldenen
Schnuller vonne UNO gewinnt. Denn, und jetz’ kommt’s: Am 11.Juli 87 überschritt die Weltbevölkerung nach UN-Berechnungen die Zahl von fünf Milliarden Menschen. Am 12. Oktober 99 wurde nach UN-Berechnungen der
sechsmilliardste Mensch auf der Erde geboren. Am 31. Oktober 2011 der siebenmilliardste. Also wird, nach meine eigenen bescheidenen Berechnungen, am 1. November 2023 der achtmillardste Mensch geboren. Voraussichtlich von eine von uns Sisters. Und bis dahin, muss aber wirklich alles supi dupi lecki leck aufjeräumt sein in der Welt. Och da unten, nich nur hier bei uns, schließlich
weiß ja keiner, wo die Nummer 8 Punkt 000 Punkt 000 Punkt 000 aus der Mutti flutscht. So, und jetzt muss ick erst mal bei die Schlibrowski klingeln und fragen, ob ick ihr wat aus de Kaufhalle mitbringen soll. Och, wenn die so nen bisschen älter is und
och keen Englisch kann, isse trotzdem meene Sister.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *